Stellungnahme

Hallo Freund*innen,
wir müssen reden!

Wir haben mitbekommen, dass einige Künstler*innen und Bands, die dieses Jahr in unserem Line-Up vertreten waren, im Umfeld des coracis Aussagen getroffen haben, die wir problematisch finden.

Während des Festivals kam es zu einem Zwischenfall, als sich ein Bandmitglied das T-Shirt auszog. Zu unserem Konzept (welches den Bands auch im Vorfeld zuging) gehört es, dass cis-männlich gelesene Personen nicht oberkörperfrei herumlaufen sollen. Wir sehen dies als einen solidarischen Akt gegenüber Frauen und Trans* Personen, denen dies im Gegensatz zu Männern in der Regel nicht möglich ist. Als dieser von unserem Awareness-Team darauf angesprochen wurde, anwortete er mit einem sexistischen Spruch.

Außerdem wurden durch einige Bands in den letzten Tagen Aussagen in Bezug auf die aktuelle Situation in Israel und den Palästinensische Autonomiegebieten sowie den Nahostkonflikt als Ganzes getätigt, die wir problematisch finden.

Bereits beim Booking der Künstler*innen wurde explizit darauf geachtet, dass diese keine politisch fragwürdigen Inhalte in ihrer Musik oder in Statements transportieren. Dazu gehört für uns neben Rassismus, Sexismus und anderen Diskriminierungsformen selbstverständlich auch Antisemitismus. Auch wenn wir uns bemüht haben, die Einstellungen der Künstler*innen im Vorhinein einzuschätzen, war es leider nicht möglich, dies zu verhindern – denn die entsprechenden Positionierungen wurden jeweils kurz vor, während oder erst nach dem Festival getätigt.
Aus diesem Grund erreichten uns diese Aussagen erst, als das Festival für uns als Team bereits begonnen hatte. In einer kurzfristig getroffenen Entscheidung beschlossen wir, das Festival wie geplant durchzuführen.
Die vollständige Dimension der von einigen Musiker*innen getroffenen Aussagen wurde erst nach dem Festival klar. Hätten wir einige Informationen früher gehabt, wäre unsere Entscheidung eine andere gewesen.

Antisemitismus gibt es bei radikalen Rechten, bei islamistischen Gruppierungen, in der Mehrheitsgesellschaft und leider auch bei Linken. Anders als die offene Feindschaft gegen Jüd*innen und Juden äußert sich moderner Antisemitismus oft verdeckter. Neben strukturellem und sekundärem Antisemitismus, auf die wir hier nicht näher eingehen wollen, ist es heute gerade der Antizionismus bzw. die sogenannte „Israelkritik“, welche antisemitische Ressentiments bedient.

Hier ist der Bezugspunkt meist der Nahostkonflikt. Unter dem Vorwand der „Kritik“, die durchaus berechtigt sein kann, wird die Politik Israels mit zweierlei Maß gemessen, dämonisiert und dient als Projektionsfläche für den Antisemitismus. Das äußert sich in Hass, Gewalt und Boykottaufrufen gegen den Staat, der als Konsequenz auf die Vernichtung der europäischen Juden im 2. Weltkrieg gegründet wurde. Während die meisten Kriege auf der Welt die „Kritiker*innen“ wenig bis gar nicht interessieren, wird Israel sein Recht auf Selbstverteidigung oder gar das Existenzrecht abgesprochen.

Stattdessen gibt es eine diffuse Solidarität mit den örtlichen „Befreiungsbewegungen“, in deren Kampf pauschal ein Bestreben nach Frieden, Freiheit und Menschenrechten gesehen wird. Dass die maßgeblichen Gruppierungen im „Widerstand“ gegen Israel, also beispielsweise die Hamas oder die libanesische Hisbollah, knallharte Antisemiten und Islamisten sind, unter denen auch viele der „eigenen“ Leute leiden, wird ignoriert. Würden sich diese tonangebenden Gruppen durchsetzen, bedeutete dies wahrscheinlich den Tod oder die Vertreibung der israelischen Jüdinnen und Juden. Homosexuelle, Feminist*innen und Linke in der Region hätten wohl auch nicht viel zu lachen. Für uns ist es so einfach wie banal, dass diese Form von „Widerstand“ keine Solidarität verdient.

Die aktuellen Äußerungen zum sogenannten „Great March of Return“ und dessen Verklärung als spontanen, friedlichen Protest anstelle einer von offenen Antisemiten organisierten und auf Eskalation ausgerichteten Aktion gegen Israels Bewohner*innen, zeigt einmal mehr exemplarisch, dass Antisemitismus auch bei linken Menschen und Gruppen leider immer noch ein Problem ist.

Wir möchten uns dafür entschuldigen, dass wir den entsprechenden Künstler*innen – von außen betrachtet – widerspruchslos eine Bühne geboten haben. Nichtsdestotrotz danken wir allen Beteiligten für die zahlreichen positiven Aspekte des Festivals und hoffen, dass über die diesjährige Problematik eine Debatte in Lüneburg und darüber hinaus entsteht.

Euer coraci-Team 2018

Dear Friends,
We have to talk.

We’ve noticed that a few of the artists and bands, who participated in our festival this year, made some statements that we find to be problematic. During the festival, an incident occured, when one member of the band took of his shirt. Our concept (which was send to the bands before the festival) includes that people, who are seen as cis men, should not participate naked from the waist up. We see that part of our concept as a way to show solidarity to women and trans* people , who in contrast to men generally are not able to do so. When the person was asked to put his shirt back on by our awareness team, he answered with a sexist response.

In addition to that, a few bands posted statements during the last days concerning the situation in Israel and the autonomic territories of palestine as well as the Middle East conflict as a whole that we find problematic.

During the booking process, we looked explicitly that neither the music nor the statements of the artists would include politically questionable meanings. For us that means that there is no room for racism, sexism and other forms of discrimination and also not for antisemitism. Even though we tried to gain an overview of the attitude of the artists beforehand, it was unfortunately not possible to prevent this – as the statements that we are talking about were posted shortly before and after the festival.

Because of this, these statements that we are talking about, reached us as the festival was already starting. At short notice we decided to realize the festival as planned.
The full dimension of the statements of some of the artists was revealed after the festival.

Antisemitism does exist in radical right-winged groups, in islamistic groups, in mainstream society and unfortunately also in left-winged groups. Modern antisemitism is most of the times better hidden in contrast to an open enmity against jewish people.
Besides structural and secondary antisemitism, which we will not discuss further here, it is antizionism, or rather the so-called „critique of Israel“ which serves antisemitic resentment, today.

The point of reference is most of the times the Middle East Conflict. Under the pretext of „critique“, which can also be quite eligible, a double standard is applied to the politics of Israel, it is demonized and serves as a projection surface for antisemitism. This utters in hate, violence and calls for boycott against the state, which was founded as a consequence of the extermination of European jews in World War II. As the „critics“ are less or not at all interested in most of the wars on the planet, Israels right on defense or even the right to exist are denied.

Instead there is a vague solidarity with local „liberation movements“, in whose war there can be seen a general endeavor for peace, liberty and human rights. That the essential groups in the „resistance“ against Israel, for example the Hamas or the lebanese Hezbollah, are uncompromising antisemitists and islamists from whom also the „own people“ suffer, is ignored. If these predominant groups would assert, this would probably mean the death or the displacement of Israeli jews. Homosexuals, feminists and left-winged people in that region would also have no laughing matter. For us it is as easy as it is banal, that this form of „resistance“ does not deserve appreciation.

The current statements of the so-called „Great March of Return“ and its glorification as spontaneous and peaceful instead of an action, which is organized by antisemitists and focused on escalation, against the residents of Israel, does show that antisemitism is still a problem in left-winged groups.

We want to apologize, that we offered a stage, seemingly unquestioningly. Nevertheless we want to thank all the people who were involved for the numerous positiv aspects of the festival and we hope that there will be discussions about this years problems in Lüneburg and also further.

Yours,
Coraci Team 2018