{"id":1373,"date":"2020-08-11T16:09:31","date_gmt":"2020-08-11T14:09:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.coraci-festival.de\/?p=1373"},"modified":"2023-03-20T18:02:47","modified_gmt":"2023-03-20T17:02:47","slug":"antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.coraci-festival.de\/index.php\/2020\/08\/11\/antisemitismus\/","title":{"rendered":"Antisemitismus"},"content":{"rendered":"\n<p>Derzeit findet der Prozess gegen den Attent\u00e4ter statt, der im Oktober letzten Jahres versuchte in eine Synagoge in Halle einzudringen und J\u00fcdinnen:Juden zu erschie\u00dfen. Als er es nicht schaffte, erschoss er auf seiner Flucht zwei Menschen, eine Person auf offener Stra\u00dfe, eine in einem D\u00f6ner-Imbiss. Er hatte ein klares antisemitisches, rassistisches und antifeministisches Weltbild.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr viele war das Attentat ein riesiger Schock. F\u00fcr j\u00fcdische Personen war es keiner. Schon lange warnen wir vor den Gefahren von Antisemitismus, dass rechtsextremistische Ideen sich wie Lauffeuer im Netz verbreiten lassen und dass es sich bei Antisemitismus nicht um ein Relikt aus der Vergangenheit handelt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Schock war es vorwiegend f\u00fcr diejenigen, die sich nicht mit den Auswirkungen der Ideologie der wei\u00dfen Vorherrschaft auseinandersetzen und damit wie diese einen gro\u00dfen Bestandteil der deutschen Gesellschaft darstellt, wie diese Menschen rassifiziert und sie \u201candert\u201d. Denn Deutschland ist keine homogene Gruppe und hat keine homogene Kultur. Nur durch die Stereotypisierung des \u2018Anderen\u2019 wirkt die eigene konstruierte Gemeinschaft wie eine homogene Gruppe in die vermeintlich andere nicht hineinpassen. Der Prozess der Anderung schafft somit die Identit\u00e4t einer eigenen Gruppe, die der \u201cDeutschen\u201d, durch die stereotypische Abgrenzung zur \u2018anderen\u2019 Gruppe, z.B. die der \u201cJuden\u201d.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zu der Ideologie der wei\u00dfen Vorherrschaft geh\u00f6ren Rassismus und Antisemitismus. W\u00e4hrend bei rassistischen Praxen, zumeist die davon Betroffenen als minderwertiger konstruiert und hierarchisch untergeordnet werden, werden bei antisemitischen Praxen die davon Betroffenen als zugleich minderwertig und \u00fcberm\u00e4chtig konstruiert. Bei antisemitischen Praxen werden somit j\u00fcdische Personen und Institutionen nicht in ihrer Verschiedenheit wahrgenommen. Ob Schwarze J\u00fcdinnen:Juden of Color oder wei\u00dfe J\u00fcdinnen:Juden, Mizrachim, Sephardim oder Aschkenasim, ob religi\u00f6s oder atheistisch, ob Israeli oder Deutsch, sie werden alle zu einer Gruppe konstruiert, n\u00e4mlich die der \u201eJuden\u201c. Die eigene Identit\u00e4t wird dadurch gest\u00e4rkt, dass sie sich selbst von den \u201eAnderen\u201c auf Grundlage positiv bewerteter Attribute abgrenzen kann und ungewollte Eigenschaften den \u201eAnderen\u201c zugeschrieben werden. (vgl. <em>Sch\u00e4uble <\/em>2016, S. 1) Der_die Antisemit:in muss daher nicht sich selbst und gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge reflektieren, sondern projiziert negative Eigenschaften und Entwicklung auf \u201edie Juden\u201c. Sie bestimmen was \u201eder Jude\u201c ist und was nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dadurch werden \u201edie Juden\u201c zugleich als fremd und \u00fcberm\u00e4chtig zu dem Selbst konstruiert, weshalb sie oftmals abstrahierende und komplexe Systeme verk\u00f6rpern, f\u00fcr die sie schlussendlich beschuldigt werden k\u00f6nnen. Sie werden zur Grenzfigur der sozialen Ordnung und damit zu den Repr\u00e4sentanten des B\u00f6sen gemacht. So steht die Konstruktion \u201eder Juden\u201c abseits der Nation, sei schuld am Kapitalismus und am Sozialismus, macht aus dem \u201eguten\u201c Kapitalismus das \u201eb\u00f6se Geldsystem\u201c, und\/oder sei die Elite, die geheime Komplotte schmiede und hinter Allem stecke. Diese Zuteilung erm\u00f6glicht es, sich selbst als Opfer fremder M\u00e4chte zu positionieren und sich an einem S\u00fcndenbock abreagieren zu k\u00f6nnen. Au\u00dferdem wird deutlich, dass die antisemitische Vorstellung die soziale Ordnung der Gesellschaft erhalten bzw. wiederherstellen will, ob das nun die Nation oder die \u201ewei\u00dfe Vorherrschaft\u201c ist. Um die soziale Ordnung wiederherzustellen, m\u00fcssen in dieser Ideologie daher \u201edie Juden\u201c identifiziert, entfernt und vernichtet werden. Ein bekanntes Bild, dass im Nationalsozialismus belebt und in der Shoah realisiert wurde. Da antisemitische \u201eJudenbilder\u201c historisch gewachsen, tief kulturell verankert und weit verbreitet sind, begr\u00fcnden sie vielf\u00e4ltige Ideologien, aus denen sich ganze Weltanschauungen ergeben. (vgl. <em>Sch\u00e4uble <\/em>2016, S. 3)<\/p>\n\n\n\n<p>Der an Verschw\u00f6rungsmythen gekoppelte Antisemitismus, welcher stets eine verschw\u00f6rungsgeleitete Welterkl\u00e4rung ergibt, gilt als der Unterschied vom christlichem Antijudaismus zum modernen Antisemitismus. Wenn also Mythen \u00fcber Personen, die sich gegen die Welt verschworen haben, auftauchen, fallen sie oft auf die bew\u00e4hrte Konstruktion \u201eder Juden\u201c zur\u00fcck. Komplexe Sachverhalte und Zusammenh\u00e4nge werden dadurch vereinfacht und alles B\u00f6se der Welt \u201eden Juden\u201c zugeschrieben. Deshalb bedingen Verschw\u00f6rungsmythen Antisemitismus strukturell.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Um Antisemitismus zu bek\u00e4mpfen reicht es deshalb nicht aus, Polizeibeamte vor s\u00e4mtliche Synagogen oder j\u00fcdische Schulen Deutschlands zu platzieren. Zumal viele j\u00fcdische Personen nicht einmal in einer j\u00fcdischen Gemeinde eingetragen sind. Antisemitismus findet auf Schulh\u00f6fen, in Unis, auf der Strasse, in der U-Bahn, bei den Eltern am Esstisch statt. Da er strukturell bedingt ist, muss er strukturell angegangen werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist&nbsp; es die Aufgabe von nichtj\u00fcdischen Personen sich zu solidarisieren und gegen Antisemitismus einzustehen. Das bedeutet auch, j\u00fcdischen Personen bei der Ausarbeitung und Auslegung der Thematik ihrer eigenen Ausgrenzung den Vortritt zu lassen. Das bedeutet auch Geld in die Hand zu nehmen und j\u00fcdische Aktivist*innen, anti-antisemitische Arbeit von j\u00fcdischen Personen und j\u00fcdische Projekte zu unterst\u00fctzen. Eine rein wei\u00df-christliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus l\u00e4uft auf die Gefahr hin, zu stereotypisieren und j\u00fcdische Menschen wieder einmal nicht in ihrer Verschiedenheit wahrzunehmen. Au\u00dferdem kann es nicht sein, dass diejenigen, die von einem antisemitischen System profitieren, auch davon profitieren, \u00fcber Antisemitismus aufzukl\u00e4ren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Viele in Deutschland denken j\u00fcdische Menschen seien wie ein Mythos, als g\u00e4be es uns gar nicht. Als seien wir nicht schon seit Jahrtausenden Teil von vielen Kulturen, als g\u00e4be es keine j\u00fcdische:n Dichter:innen oder Philosoph:innen, als w\u00fcrden nicht \u00fcber 100.000 j\u00fcdische Menschen in Deutschland leben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcdinnen:Juden sind keine markierten Opfer, die zur Prime-time einmal im Jahr ausgefragt werden k\u00f6nnen wie schlimm es doch sei als eine j\u00fcdische Person in Deutschland zu leben. Wir sind K\u00e4mpfer:innen. Wir brauchen keine Hilfe, sondern eure Unterst\u00fctzung. Wir brauchen eure Solidarit\u00e4t mit uns.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Investiert in j\u00fcdische Projekte, Personen und K\u00e4mpfe. Setzt nicht euch in den Fokus von unserem Kampf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#a8848d\" class=\"has-inline-color\"><strong>Text von Riv Elinson. <\/strong><\/mark><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derzeit findet der Prozess gegen den Attent\u00e4ter statt, der im Oktober letzten Jahres versuchte in eine Synagoge in Halle einzudringen und J\u00fcdinnen:Juden zu erschie\u00dfen. Als er es nicht schaffte, erschoss er auf seiner Flucht zwei Menschen, eine Person auf offener Stra\u00dfe, eine in einem D\u00f6ner-Imbiss. 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